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Warum es an der Zeit ist, die Kernenergie zu hinterfragen

Die Kernenergie hat in den Medien einen schlechten Ruf, obwohl sie zu den sichersten Energiequellen zählt. Doch abgesehen von der Sicherheit gibt es viele Argumente, die gegen diese Energietechnologie sprechen, wie z.B. der stark subventionierte Betrieb, ungelöste Fragen der Abfallentsorgung und ein klarer Kostennachteil gegenüber Wind- und Solarenergie. Auch wir hier bei neoom haben ein besonderes Verhältnis zu Atomkraftwerken, und es ist kein positives. Nein, wir sprechen hier nicht speziell von der Kernschmelze in Tschernobyl und dem anschließenden radioaktiven Niederschlag, der viele von uns in den 80er Jahren dazu veranlasst hat, das Sammeln und Essen von Pilzen in unseren Wäldern zu vermeiden, weil sie radioaktiv kontaminiert waren. Wir sprechen von unserer räumlichen Nähe zum Kernkraftwerk Temelín. Mit dem Auto sind es von unserem Firmensitz in Freistadt gerade mal eineinhalb Stunden ( bzw. rund 90 km) bis zum größten tschechischen Atomkraftwerk, das seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2002 für ständige Unruhe in der oberösterreichischen Bevölkerung sorgt. Der Bau und Betrieb dieses Kraftwerks stieß auf erbitterten Widerstand der oberösterreichischen Landesregierung, die es seit Jahren als „Hochrisikoreaktor“ bezeichnet.

Niemand hat ein gutes Bauchgefühl, wenn es darum geht, diese Reaktoren in der eigenen Umgebung zu haben. Daher sind einige Länder dazu bereit, dieses Risiko möglichst zu minimieren, solange es eine sinnvolle Alternative gibt. Deutschland hat sich 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima zu einem Ausstieg aus der Kernenergie verpflichtet. Vor Kurzem sind drei der sechs verbliebenen deutschen Kernkraftwerke vom Netz gegangen und am Ende dieses Jahres sollen auch die noch drei verbliebenen Meiler folgen. Der endgültige Atomausstieg eines der größten Länder Europas muss doch ein Zeichen für den Untergang der Kernenergie sein, oder? Nicht unbedingt, denn die EU-Kommission plant nun, die Kernenergie in ihre Taxonomie aufzunehmen und sie somit als nachhaltige Energiequelle einzustufen, da sie keine direkten CO2-Emissionen verursacht. Aber kann uns die Kernenergie wirklich auf dem Weg in eine saubere Energiezukunft helfen? Was ist mit den Alternativen? Schauen wir uns das Ganze mal etwas genauer an.

Warum ist die Kernenergie derzeit so sehr in den Medien präsent?

Am 2. Februar veröffentlichte die EU-Kommission die endgültige Fassung eines Vorschlags, mit dem Investitionen in Kernkraftwerke als klimafreundlich eingestuft werden sollen. Diese Nachricht sorgte nun für heftigen Unmut bei verschiedenen Regierungen und Umweltorganisationen. Umweltschützer sehen darin nicht nur einen Rückschlag für die Verbreitung nachhaltiger Energiequellen, sondern auch ein großes Umweltproblem, das durch den anfallenden Atommüll verursacht wird. Und ja, auch die Sorge vor einer Havarie oder gar einer Kernschmelze bleibt bestehen. Vertreter der deutschen Regierung kritisieren die Aufnahme der Kernenergie in die Taxonomie scharf und verurteilen sie als „Hochrisikotechnologie“. Länder wie Frankreich, deren Stromerzeugung sich nach wie vor größtenteils auf die Kernenergie stützt, sehen dagegen in ihr einen Eckpfeiler für eine CO2-freie Energieversorgung. Viele andere EU-Länder haben selbst keine Kernkraftwerke, lehnen die Technologie aber nicht öffentlich ab, weil sie so in der Lage sind, billigen Atomstrom aus anderen Ländern zu importieren.

Die Menschen und die Politik in unserem Heimatland Österreich lehnen die Kernenergie dagegen sehr stark ab, da wir einen großen Teil des Stroms durch unsere leistungsstarken Wasserkraftwerke, Windräder, Biomasse und Photovoltaikanlagen erzeugen können. Aber selbst Österreich hat 1978 ein komplettes Kraftwerk gebaut (das berühmte Kernkraftwerk Zwentendorf), nur um es kurz vor der Inbetriebnahme wieder stillzulegen, weil die Bevölkerung bei der ersten landesweiten Volksabstimmung gegen die Kernenergie votierte. Diese Haltung ist seither politischer Konsens und wurde 1999 sogar in die Verfassung aufgenommen. Derzeit sprechen sich nur wenige Länder gegen die Aufnahme der Kernenergie in die EU-Taxonomie aus, und nur ein Mehrheitsvotum der Mitgliedstaaten oder ein Mehrheitsvotum im EU-Parlament gegen den Rechtsakt könnte dies endgültig verhindern (was jedoch eher unwahrscheinlich erscheint). Die Entscheidung, ob diese Technologie tatsächlich einbezogen wird, bedeutet nicht automatisch, dass nun sofort neue Atomkraftwerke gebaut werden, aber sie ebnet den Weg für weitere Investitionen in die Nuklearenergie. Um all dies zu verhindern, will das österreichische Klimaministerium nun wegen der geplanten Aufnahme der Kernenergie in die EU-Taxonomie rechtliche Schritte gegen die EU-Kommission einleiten. Einige Experten sind der Meinung, dass dies von Erfolg gekrönt sein könnte, da die Gerichte den Vorschlag schließlich aussetzen könnten. Ein Gang vor die höchste Gerichtsinstanz könnte den erneuerbaren Energien also wertvolle Zeit verschaffen, um sich stärker durchzusetzen.

Das Atomkraftwerk in Zwentendorf, das nie in Betrieb genommen wurde. Heute wird das Gelände zur Energieerzeugung mittels Photovoltaikanlagen genutzt! Copyright: EVN

Brauchen wir die Kernenergie wirklich für eine saubere Stromversorgung?

CO2 ist die größte Gefahr für das Klima. Daher könnten Politiker versucht sein, die Kernenergie als kurzfristige Lösung zu betrachten, um die Klimaziele schneller zu erreichen, aber es handelt sich dabei um keine langfristige Lösung. Allerdings ist „schnell“ ein relativer Begriff, denn der Bau neuer Kernkraftwerke dauert im Durchschnitt 5-10 Jahre. Während die Kernenergie relativ sauber ist, muss der dabei entstehende Atommüll in kilometerlangen Minen in speziellen Behältern gelagert werden und ist eine Umweltbelastung, die sich nur sehr schwer mit einem Preisschild versehen lässt. Die Entsorgung von Atommüll ist ein besonders schwieriges Thema, da radioaktives Uran eine Halbwertszeit von mehr als 700 Millionen Jahren hat. Die Planung einer sicheren Lagerungsmethode für diese Zeitspanne ist nahezu unmöglich, weshalb es zum jetzigen Zeitpunkt auch noch keine endgültige Lagerungslösung gibt und man davon ausgeht, dass selbst die Spezialbehälter irgendwann undicht werden. Wir sind der Meinung, dass Experten, die behaupten, dass die Kernenergie für die Erreichung von Net Zero, also einer Netto-Klimabilanz von Null, zwingend erforderlich ist, schlichtweg zu kurzfristig denken. Es existiert eine Energiezukunft, die nicht auf riskante Nukleartechnologie setzt, sondern auf eine breite Implementierung und dezentrale Nutzung von Solar- und Windenergie, die intelligent gespeichert und verteilt und effizient genutzt wird.

Fairerweise muss man zugeben, dass die erneuerbaren Energien in letzter Zeit einige Rückschläge erleiden mussten, denn die steigenden Rohstoffpreise und Frachtkosten belasten auch die Produktion von Windturbinen, Solarmodulen und Batteriespeichern, die jedoch nach wie vor die billigsten Formen der Stromerzeugung darstellen. Wir sind uns sicher, dass diese Komponenten wieder zu normalen Preisen erhältlich sein werden, sobald sich der Markt stabilisiert. Gleichzeitig haben die zuletzt stark gestiegenen Strompreise die Attraktivität von PV-Anlagen und Speichern weiter erhöht, indem sie die Amortisationszeiten für große und mittlere PV-Anlagen verkürzt haben. Im Jahr 2021 wurden weltweit rund 290 GW an erneuerbarer Energiekapazität zugebaut, und im selben Jahr waren erneuerbare Energien bereits für fast 40 % der Stromerzeugung in der EU verantwortlich.

Natürlich müssen große Herausforderungen bewältigt werden, um diesen Anteil weiter zu erhöhen, wie z. B. der Ausbau von Technologien zur Speicherung, zum Ausgleich von Energie innerhalb des Systems und der Aufbau lokal organisierter Energiegemeinschaften. Wir bei neoom sind jedoch der Meinung, dass nachhaltige und erneuerbare Energiequellen bereits in wenigen Jahren in den meisten Ländern zum Standard gehören und der „Risikoreaktor“ in Temelín sowie die Kernenergie im Allgemeinen dann der Vergangenheit angehören werden.

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